Persönlichkeitsentwicklung durch soziales Engagement

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Der Masterstudiengang i2m der Hochschule Würzburg-Schweinfurt geht neue Wege, um die soziale Kompetenz der Studenten zu fördern. Im Zuge eines Pilotprojekts „Soziales Lernen“ haben Alexandra Schumann und Johannes Kuther einen Praktikumstag im St. Josefs-Stift Eisingen verbracht. Ihre ganz persönlichen Erfahrungen berichten sie in einem Interview.

 

Wie kam der Kontakt mit der sozialen Einrichtung zustande?

Johannes: Für mich stand von Anfang an fest, dass ich im Rahmen des Projektes mit stigmatisierten Menschen zusammenarbeiten wollte. Der St. Josef-Stift liegt im Nachbarort und da lag es nahe einfach mal nachzufragen, ob die Einrichtung uns für vier Tage einen Einblick gewähren kann. Heimleiterin, Frau Iris Forstner, war sofort damit einverstanden und wir konnten gleich anfangen.

 

Wie sind eure Eindrücke von der Zeit im Stift?

Johannes: Für mich war das eine super Erfahrung. Ich habe vorher noch nie mit behinderten Menschen zusammengearbeitet und kann eigentlich nur jedem empfehlen, es mal selber auszuprobieren.

Alexandra: Auch wenn ich insgesamt nur vier Tage im Stift war - was nicht einmal einer Arbeitswoche entspricht - habe ich sehr viele bewegende Eindrücke mitnehmen können. Da ich in meinem privaten Umfeld zum Teil auch mit Senioren, Kindern und Behinderten zu tun habe, war es dennoch das erste Mal für mich in eine soziale Einrichtung reinzuschnuppern. Im Großen und Ganzen war mein wichtigster Eindruck, dass sowohl das Stift als auch die Wohngruppen wie eine Art große Familie sind und das fand ich sehr spannend und schön zu beobachten.

 

Was war dein eindrücklichstes Erlebnis?

Johannes: Das ist wirklich schwer zu sagen. Für mich waren die ganzen vier Tage wirklich sehr eindrucksvoll, weil ich vorher noch nie in einer solchen Einrichtung gearbeitet habe. Ein sehr schönes Erlebnis war der gemeinsame Singkreis, bei dem nur schwerbehinderte Bewohner teilgenommen haben. Jeder hat auf seine Art und Weise mitgemacht und ich war begeistert, wie viel Spaß und Lebensfreude sie ausgestrahlt haben.

Alexandra: Mein eindrücklichstes Erlebnis war der Spaziergang mit einem Bewohner aus dem Förderhaus. Ich war äußerst berührt, dass ich die Freude des Bewohners über die ersten Sonnenstrahlen wahrnehmen konnte, obwohl er in seiner Kommunikationsfähigkeit sehr eingeschränkt war. Meine größte Sorge war, dass ich mit den Bewohnern nicht kommunizieren kann, was aber wunderbar geklappt hat.

 

Was hast du aus der Zeit im Stift persönlich mitgenommen?

Johannes: Für mich persönlich war die Zeit im Stift ein einschneidendes Erlebnis. Ich habe gelernt wie man Menschen mit Behinderung gegenübertreten kann und wie man sich situationsgerecht verhält. Dabei habe ich gemerkt wie schwierig manchmal die Kommunikation im allgemein mit Menschen ist und welche Missverständnisse dadurch entstehen können. Außerdem fand ich die ehrlich-direkte Art sehr angenehm und würde mir wünschen, dass mehr Menschen sagen, was sie denken und was sie bewegt.

 

Was hast du aus der Zeit im Stift für dich beruflich mitnehmen können?

Alexandra: Für meinen Berufsalltag habe ich sehr viel mitgenommen, da der Faktor Zeit im Stift eine andere Bedeutung hat wie in der freien Wirtschaft. Es wird sich mehr Zeit genommen, weil es oft auch notwendig ist sich Zeit zu nehmen. Deshalb habe ich inzwischen das Feierabendbier mit Kollegen eingeführt, so dass der private Austausch und die zwischenmenschliche Beziehung auch im Berufsalltag wieder mehr in den Vordergrund rücken. Ich nehme mir auch das Motto „Offenheit durch Offenheit“ wieder mehr zu Herzen, weil mir die Bewohner des Stifts gezeigt haben, dass man mit Offenheit im Leben sehr weit kommen kann und es sehr schön ist, wenn einem die Mitmenschen mit Offenheit und Neugier begegnen.

 

Hattest du bereits im Alltag Erlebnisse gehabt, bei denen dir die vier Tage im Stift geholfen haben?

Johannes: Als ich vor zwei Wochen im Baumarkt einkaufen war, habe ich einen Rollstuhlfahrer gesehen, der versucht hat, zusammengelegte Umzugskartons zu transportieren. Der Angestellte hatte ihm nicht richtig zugehört und die Kartons anders auf dem Rolli platziert als er es wollte. Als er dann ein paar Meter gefahren ist, rutschte die ganze Ladung herunter. Ohne zu zögern, bin ich auf ihn zugegangen und habe gefragt, ob ich helfen kann. Er hat mir dann gesagt, wie er die Kartons transportieren möchte und ich habe ihm geholfen, die Ladung sicher zu verstauen.

Anscheinend hatte mein Verhalten einen sozialen Komplex bei einer Zuschauerin ausgelöst. Ohne zu Fragen nahm sie einfach seinen herausgefallenen Ohrenstöpsel des MP3-Players und wollte ihn wieder in sein Ohr stecken. Er gab aber klar zu verstehen, dass er nicht hilfebedürftig sei und es alleine machen kann. Da war ich wirklich sehr froh darüber, dass ich wusste wie ich mich situationsgerecht verhalten kann.

 

Bist du der Meinung deine Sozialkompetenz ist durch dieses Projekt gestiegen?

Johannes: Definitiv ja! Obwohl die Arbeit in der Einrichtung nur vier Tage dauerte, fällt mir der Umgang mit behinderten Menschen viel leichter und die Berührungsängste sind verloren gegangen

Alexandra: Ich weiß nicht, ob man direkt sagen kann, dass meine Sozialkompetenz durch vier Tage in einer sozialen Einrichtung gestiegen ist, weil meiner Meinung nach die Sozialkompetenz bereits in den Kinderschuhen erlernt wird und so ein längerer Lern- und Entwicklungsprozess ist. Ich bin aber durchaus sensibler in meinem Umfeld geworden und habe auf jeden Fall mein Bewusstsein für hilfsbedürftige Mitmenschen stärken können. Wer die Möglichkeit hat, an einem solchen Programm teilzunehmen, sollte das auf jeden Fall machen und ich bin froh um diese Lernerfahrung und werde meine Zeit im St. Josefs-Stift so schnell nicht wieder vergessen!

 

Alexandra Schumann, Johannes Kuther - Foto: privat

 

PILOTPROJEKT „SOZIALES LERNEN“:

„Soziales Lernen“ bedeutet eine neue Form des Erfahrungslernens, das anstrebt durch soziales Engagement die soziale Kompetenz der Studierenden zu steigern und durch Reflexion einen langfristigen Lerneffekt zu erzielen. In Zusammenarbeit mit der Agentur Mehrwert (www.agentur-mehrwert.de), die von der Robert-Bosch-Stiftung gefördert wird, wurde das Pilotprojekt „Do it!“ an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt (www.fhws.de) mit Unterstützung von Frau Prof. Dr. Christine Wegerich durchgeführt. In der Lehrveranstaltung „Werteorientierte Personalführung“ des Master-Studiengangs „Innovation im Mittelstand“ konnten die 12 Studierenden durch ein auf vier Tage befristetes soziales Engagement mit anschließender Reflektionsveranstaltung ihre Schlüsselkompetenzen erweitern. Zwei der Studierenden aus dem dritten Semester, Johannes Kuther und Alexandra Schumann, haben ihre „Lerntage“ im St. Josefs-Stift in Eisingen verbracht. Über den Kontakt zur Heimleiterin, Frau Iris Forstner, hatten die beiden Studierenden die Möglichkeit die vier Tage in unterschiedlichen Wohnformen zu verbringen und so einen größtmöglichen Einblick zu erlangen. Die beiden Studierenden waren in der Wohngruppe EVA HUTH, in der Förderhausgruppe 173, in der Berufsbildungsstätte, in der Werkstatt in Eisingen und in der Außenwohngruppe WG Jahnstraße in Waldbrunn.

   

   
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